Donnerstag, 22. März 2007

8 km in die Vergangenheit

Schon lange vorgenommen und endlich in die Tat umgesetzt. Ein Lauf um den Ort, in dem ich aufgewachsen, 26 Jahre gewohnt habe. Er liegt am Fuß der Eifel an einer der ersten Anhöhen ins Hügelige rein, umgeben von einem großen Waldgebiet. Wunderschön, was ich früher nicht zu schätzen wusste.

Ich starte bei meinen Eltern am Haus und das erste, was mir nach 2 Minuten auffällt ist die Tatsache, dass Wege, die mir als Kind unendlich lang erschienen, plötzlich so kurz sind. Der Weg führt ins Feld und leicht bergauf, das bin ich nicht gewohnt, aber es gefällt mir gut.

Die Glocken der Kirche läuten. 18.00 Uhr - das war als Kind das Signal, dass ich nach Hause muss. Ich dampfe den Feldweg Richtung Wald hoch. Der Untergrund ist unruhiger, als ich das von meinen Stadtstrecken gewohnt bin. Im Wald angekommen, staune ich darüber, dass aus meinem früheren Abenteuerwald nun ein Walking-Paradies geworden ist, so wird es dort mit Schildern angekündigt.

Der Weg durch den Wald führt mich an der Kaserne vorbei. Belgier waren dort stationiert und gehörten für uns Kinder mit dazu. Nicht dass ich das irgendwie mal hinterfragt hätte - die waren einfach da. An den Gebäuden hat der Zeit der Zahn genagt, sie sind teilweise schon eingefallen. Der Zaun steht noch, das Gelände ist nicht begehbar.

Ich laufe eine Weile - mittlerweile bergab - durch den Wald zum Ausgang und sehe, dass dort immer noch die Kneipe steht - sieht immer noch so schäbig aus wie früher. Als ich nach ca. 7 km wieder von unten ins Dorf rein laufe, staune ich über die vielen Dinge, die sicher verändert haben - ich bin doch erst seit 12 Jahren weg. Der ältere Sohn einer meiner Cousinen steht in der Tür - erwachsen mittlerweile und kennt mich natürlich nicht.

Ich laufe an meiner ersten eigenen Wohnung vorbei, dort sitzt eine Katze im Fenster! In meinem Wohnzimmer - unmöglich. Im Haus es damaligen Vermieters gegenüber ist anhand der Einrichtung und fehlenden Gardinen deutlich zu erkennen, dass dort jemand anderes wohnen muss. Keiner mehr, der morgens zu dem damaligen Ehegatten sagt: "Herr xyz, Sie waren diese Nacht aber wieder spät zu Haus, ich stand zufällig am Fenster" oder "Herr xyz, isch weiß ja jarnicht, ob se et wissen dürfen, aber ihr Frau ist heute morgen abgeholt worden, von nem jungen Mann in nem schicken Auto".

Ich laufe vorbei an dem Elternhaus einer Schulfreundin und ich erinnere mich daran, dass wir dort immer die Fransen vom Teppich kämmen mussten, wenn wir als Kinder achtlos drüber gelaufen waren.

Das Haus der nächsten und übernächsten Cousine passiert und der letzte Anstieg zurück zum Haus der Eltern wird gelaufen. Hier begegnen sich Leute auf der Straße und begrüßen sich, die ich nicht kenne - früher kannte ich jede Nase im Ort. Vieles hat sich geändert.

Ach, es war richtig schön - landschaftlich und gedanklich. Das Wetter war zu schlecht, als dass ich meine kleine Kamera hätte mitnehmen können. Aber den Lauf werde ich sicherlich wiederholen und häufiger die Chance nutzen, bei meinem Besuchen in der Eifel einen Lauf abzustatten.

Welten liegen auf jeden Fall zwischen den letzten 12 Jahren - so viel ist sicher. Ich bin nicht einfach nur dort weg gezogen, sondern habe mich auch komplett entfernt - wenn se wissen, watt ich meine.

Kommentare:

  1. Ja, Anja, ich weiß genau, was du meinst ! Für mich waren die ersten richtigen Läufe um mein Heimatdorf herum auch etwas ganz Besonderes. Ich kannte zwar irgendwie alles, aber laufend entdeckt man es trotzdem noch einmal ganz neu, und Wege, die einem früher unendlich lang erschienen, scheinen jetzt kurz.

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  2. Aus diesem Text könnte Wsternhagen, Klaus Lage oder Reinhard Mey ein Lied schreiben. Wunderschön und so gut nachvollziehbar. Man spürt wie deine Gedanken von alleine aus deinem Kopf in deine Hände flossen.

    Martin

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  3. Ich versteh das auch sehr gut. Ich war Weihnachten in Deutschland und bin die Strecken gelaufen, die mir frueher mit dem Fahrrad ewig weit vorkamen. Und dann die ganzen Erinnerungen auf den Wegen. Hier sind wir immer ausgeritten, dort habe ich XYZ kennen gelernt, hier haben wir gespielt.

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  4. Das mit den Distanzen, die einem nach so langer Zeit so kurz vorkommen, kann ich auch bestätigen.
    Ich bin ja nun schon 35 Jahre aus dem Ort weg, in dem ich aufgewachsen bin. Vor 3 Jahren bin ich bei einem Besuch meiner Eltern - meine Mutter lebte damals noch - mit Stefan auch gelaufen, und zwar zu einem kleinen Badesee. Als Kind erschien mir der Weg dorthin trotz Fahrrad immer weit und entsetzlich anstrengend - da geht's auch ein bisschen rauf und runter. Bei unserem Lauf empfand ich die Strecke als lächerlich kurz. Schon komisch...

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  5. Das mit den Distanzen, die einem nach so langer Zeit so kurz vorkommen, kann ich auch bestätigen.
    Ich bin ja nun schon 35 Jahre aus dem Ort weg, in dem ich aufgewachsen bin. Vor 3 Jahren bin ich bei einem Besuch meiner Eltern - meine Mutter lebte damals noch - mit Stefan auch gelaufen, und zwar zu einem kleinen Badesee. Als Kind erschien mir der Weg dorthin trotz Fahrrad immer weit und entsetzlich anstrengend - da geht's auch ein bisschen rauf und runter. Bei unserem Lauf empfand ich die Strecke als lächerlich kurz. Schon komisch...

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  6. ja - was das "komplett entfernt" meint, das weiß ich.
    Viele viele Jahre kam mir mein Geburtsort weiter weg als die nächste Galaxie ... so innerlich ...

    Allerdings: er ist wieder deutlich näher gerückt und das fing an nach meinem Umzug nach München. Räumlich bin ich seitdem viel entfernter. Innerlich hat eine WiederAnnäherung stattgefunden irgendwie. Habs noch nicht analysiert, lass das also einfach mal so stehen ;o)

    Münster rückt dagegen immer weiter weg ... Kein zwingend immer nur eine Richtung verfolgender Prozess also ... um das mit der Analyse in ersten Schritten doch noch anzugehen *s*

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  7. ja - was das "komplett entfernt" meint, das weiß ich.
    Viele viele Jahre kam mir mein Geburtsort weiter weg als die nächste Galaxie ... so innerlich ...

    Allerdings: er ist wieder deutlich näher gerückt und das fing an nach meinem Umzug nach München. Räumlich bin ich seitdem viel entfernter. Innerlich hat eine WiederAnnäherung stattgefunden irgendwie. Habs noch nicht analysiert, lass das also einfach mal so stehen ;o)

    Münster rückt dagegen immer weiter weg ... Kein zwingend immer nur eine Richtung verfolgender Prozess also ... um das mit der Analyse in ersten Schritten doch noch anzugehen *s*

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  8. Ach ja, interessant - alle haben die gleiche Erfahrung gemacht. Einerseits hat es was mit dem Erwachsen sein zu tun, die Lauferei tut aber auch ihres dazu. Seit dem ich laufe, sind die Distanzen grundsätzlich kleiner geworden.

    @Lizzy, wenn Du mit dem Analysieren so weit bist, sag Bescheid:-))

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