Mittwoch, 16. Juli 2014

~ Liebe Oma... ~

Ich muss Abbite leisten, dringend muss ich das mal tun.

Als Atheistin  kann ich mir ja nicht vorstellen (und will es auch nicht), dass die, die nicht mehr lebend unter uns weilen, uns sehen können. Ich will nicht immer gesehen werden.

Aber vielleicht geistern ja die Seelen der Verstorbenen in der Blogger-Welt rum und lesen alle meine Einträge. Witzige Vorstellung.

Deshalb muss ich endlich mal Abbitte leisten, und zwar bei meiner Großmutter.

Ich hatte zwei davon (wie wohl die meisten;-) und beide hörten auf den wunderbaren Namen Klara.

Die eine Klara - sie wohnte nur 2 Häuser weiter - war eine richtige "Hausfrau". Sie hatte ein schweres Leben, wie viele der Generation aber sie war fast immer fröhlich. Hat viel gesungen und gerne gefeiert.

Sie konnte kochen, wie Omas halt so kochen können. Sie backte die besten Kuchen (natürlich NIE mit Rezept sonder "uss dä Lamäng", wie sie sagte).

Wie die meisten aus der Generation konnte Klara keine Lebensmittel wegwerfen oder verkommen lassen. Sie bestellte einen großen Garten (meist alleine und bis ins hohe Alter) und wenn ich mich recht erinnere, kochte sie im Zyklus dessen, was im Garten wuchs. Sie kellerte zentnerweise Kartoffeln ein und reife Früchte wurden zu Marmelade gekocht. Sobald es Pflaumenzeit war, wurde die Familie so lange genervt, bis irgend jemand mit ihr auf ihre Streuobstwiese fuhr und die Pflaumenbäume leer flückte. Die wurden natürlich zu Pflaumenkuchen (Prommetaat) und Pflaumenmus verarbeitet. Außerdem wurden Pflaumen eingeweckt, genau so wie Kirschen, Stachelbeeren (Knürschele) und Birnen.

Apfelkompott wurde gemacht, Blaubeermarmelade, Brombeermarmelade usw. usw.

Und was hat sie von uns geerntet? Unverständnis! Also von mir zumindest. Ich hab es gehasst, Blaubeeren im Wald zu sammeln. Ich mochte es auch nicht, mit meiner Mutter Kirschen zu entkernen (außer, dass es danach Kirschsuppe gab). Ich hab nicht verstanden, dass sie so sehr an ihrem Garten hing.

Ich konnte damals nicht verstehen, dass Klara Lebensmittel immer aufaß anstatt das, was zu viel war, wegzuwerfen. Sie hat deutlich mehr eingeweckt, als sie Zeit ihres Lebens aufbrauchen konnte und nach ihrem Tod musste viel davon entsorgt werden.

Und heute - rückblickend - hat sie so gehandelt und gelebt, wie ich es nach meinen heutigen Werten für richtig erachte.

Selbst angebaut, das verarbeitet, was gerade wuchs - im Rhythmus der Jahreszeiten - und die Lebensmittel wertgeschätzt, die ihr zur Verfügung standen.

Tut mir leid, dass ich das damals nicht verstanden hab. Ne reget rien, macht ja auch keinen Sinn aber manchmal dauert es einfach etwas, bis man Dinge versteht. Sorry Oma!

Ich glaub... hier will sie sagen "I want you." oder nicht?


PS: Vielleicht ist mein Blick ja etwas verklärt - aber so blickt man wohl auf Omas.

PS1: Die andere Klara war aber auch nicht schlecht. Immer um 4.00 Uhr morgens wach und jeden Tag bis zum 92. Geburtstag "gerannt"... kommt mir ja bekannt vor (außer die 92, wobei ich mich manchmal so fühle;-))

Kommentare:

  1. Liebe Anja,
    auch wenn du ihr Verhalten damals noch nicht verstanden hat, bin ich mir sicher, dass es umgekehrt schon so war. Omas wissen einfach mehr...
    Außerdem: besser spät, als nie!

    Und vielleicht geistert sie ja wirklich irgendwo herum, liest was du geschrieben hast und freut sich grad ganz gewaltig!! :)

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    1. Eigentlich gehts mir ja auch nicht wirklich um eine Entschuldigung an meine Großmutter. ;-) Ich find es halt wirklich erschreckend, wie unser Wertesystem, was Lebensmittel angeht, innerhalb von nur einer Generation völlig gekippt ist. Und der Vergleich von meiner Oma über meine Mutter zu mir ist schon erschreckend, auch wenn sich das jetzt wieder zurückwandelt (sowohl bei mir als auch bei meiner Mutter). Leider ist das aber nur bei einem kleinen Prozentsatz so - ich hoffe nur, dass es weiter um sich greift.

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  2. Ich hasse es auch Lebensmittel wegzuschmeißen und schaue immer dass 1. nicht zu viel gekauft wird und 2. erstmal das gegessen wird was noch zu hause ist oder im Garten hängt. Und wenn es mal zuviel ist wie z.B. Zwetschgen werden die einfach mit auf Arbeit genommen. Da kommen sie weg. Hoffe ich zumindest. Habe heute nämlich 2kg dabei :D

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    1. Hallo Markus, hat es geklappt mit den 2kg?

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  3. Ja ja, wir "jungen Leute" haben unseren eigenen Kopf, was die Alten gemacht haben, war Mummpitz...

    Nun, mit dem Abstand der Jahre erkennen wir, dass vieles von deren Denken und Handeln gar nicht so verkehrt war. Das könnte bei uns ein erster Anflug von Altersweisheit sein ;-))

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. Lieber Volker, so fühlt sich Altersweisheit an? Man sollte meinen, es sei gesunder Menschenverstand aber ich hab auch ungefähr 35 Jahre meines Lebens dazu gebraucht, um das zu verstehen. :-)

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  4. Liebe Anja,
    wunderbar geschrieben! Meine Oma Lene machte noch ihr eigenes Sauerkraut (Suurkrutt), es wurden Früchte entsaftet und zu Gelee verarbeitet (Einwecken sowieso). Allerdings störte es mich damals noch nicht, wenn die andere Oma Hedwig das Kaninchen (dat Kning) zu Weihnachten schlachtete, mit dem ich zuvor spielte - das kann ich heute gar nicht mehr verstehen. Lebensmittel werfe ich so gut wie gar nicht weg, kaufe eher zu knapp ein.
    Und unsere Omas kamen wunderbar ohne Coffee-to-go im Plastikbecher klar, ohne Wegwerfwahn und Einwegzeugs.
    Auf einem Seminar lernte ich mal einen Leiter einer großen Wurstfabrik kennen (beliefert die großen Ketten). Der erzählte mir, sie arbeiten im Sommer nach Wetterbericht. Wenn also Grillwetter für das Wochenende angesagt ist, wird die Produktion hochgefahren, oder deutlicher: Die Schlachtquote. Wenn aber das Wetter anders kommt, haben sie zu viel produziert, das findet keine Abnehmer und muss entsorgt werden. Es wurden also Tiere für den Müll getötet. Perverser gehts nicht mehr.
    Ich mag nicht mehr wirklich Fleisch essen, wenn nicht wegen dem blöden Eisen ein kleines Maß sein müsste.
    Hey, machen wir unseren Omas heute ein Kerzchen an!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Ja, unsere Omas haben wirklich ein Kerzchen verdient. :-) Ich esse ja seit 5 Jahren kein Fleisch mehr. Mein Eisen ist natürlich - wie ich ja geschrieben hab - grottig. War es vorher auch. Das scheint bei mir also keine Wirkung zu haben. Will nicht sagen, dass Du das Fleisch essen sein lassen sollst sondern nur, dass es bei MIR keinen Effekt hatte. Zu dem Thema muss ich ja auch noch mal was schreiben. ;-))

      Ich hab früher zugeschaut, wie Schweine getötet werden, mein Onkel war Metzger und es war für mich völlig normal. Selbst als ich vegan wurde, hat es noch lange gebraucht, bis dass ich für mich gedanklich zulassen konnte, dass man hier über fühlende Lebewesen spricht. Und wenn ich schon generell heute wirklich körperliche Schmerzen bekomme, wenn ich sehe, wie mit Lebensmitteln umgegangen wird, so sehr bekomme ich Wut, wenn bei tierischen Produkte ohne Sinn und Verstand für Grillpartys eingekauft und dann ganz viel weggeworfen wird. Ich laufe nicht mit "meat is murder" Shirts rum und die Wurst und das Fleisch meines Mannes liegt friedlich in unserem Kühlschrank neben meinem Tofu (wer weiß, was die machen, wenn das LIcht ausgeht). Aber tierische Produkte wegwerfen, das tut echt weh.

      Bzgl. Bevorratung: Letzte Woche stand eine ältere Dame an der Tür, die jedes Jahr Lebensmittel für Bedürftige sammelt. Ich konnte ihr nur eine Packung 6-Korn-Flocken mitgeben. Entweder waren meine Lebensmittel zu kurios (Chia-Samen und so nen Kram) oder ich hatte schlichtweg nichts, weil wir nichts bevorraten. Das unterscheidet mich heute noch enorm von meiner Oma. ;-))

      Auch auf Facebook gab es viele Stimmen (mehr als sonst) auf den Post. Es geht echt vielen Leuten ähnlich.

      Ich Hoch auf die Klaras dieser Welt.

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  5. Ich schließe mich dem Hoch auf die Klaras dieser Welt an! Großgeworden bin auch ich mit der "Nichts wird weggeworfen"-Philosophie! Schlimmstenfalls haben die Katzen oder die Schweine Reste bekommen, die sich nicht anders verwerten ließen. Ich versuche diesen Umgang mit Lebensmitteln fortzusetzen - leider gelingt es mir nicht immer. Zum Teil, weil die Augen beim Einkaufen größer sind als der Magen. Und zum Teil, weil der Garten mehr abwirft, als ich essen kann. Das Überschüssige versuche ich aber zu verschenken - und ärgere mich manchmal maßlos, wenn - wie neulich - jemand "ganz unbedingt" meine Himbeeren für Marmelade pflücken will, sie dann aber doch nicht erntet und am Strauch verderben lässt, statt mir Bescheid zu geben, damit ich jemand anderen fragen kann.

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    1. Oh ja, da würd ich mich wohl auch arg ärgern. Mir gelingt es auch nicht immer, alles wegzubrauchen aber ich versuche es sehr bewusst. Bei mir kommt es durch das Bio-Abo und meinen Job, der manchmal halt auch kleinere Reisen oder Abendessen beinhaltet schon mal zu Konflikten. Gott sei Dank hilft mir aber mein 0-Grad-Fach die Sachen recht lange frisch zu halten. Wenn ich absehen kann, dass ich es nicht verarbeitet bekomme, koch ich und friere ein. Immer Augen auf und es eben versuchen. Es tut mir mittlerweile echt sowas von in der Seele weh, wenn ich etwas wegwerfen.. so wie Klara damals vielleicht, wobei mit einer Hunger-/Kriegserfahrung ist das sicherlich noch ganz anders.

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  6. So kenne ich meine Großeltern auch, die wirklich reine Selbtversorger waren. Allerdings ging bei ihnen das Nicht-Wegwerfen so weit, dass das ganze Haus irgendwann im Müll erstickte. Jeder Joghurt-Becher wurde aufgehoben. Im Umgang mit Lebensmitteln geht es mir wie vielen anderen hier. Fleisch wegwerfen geht gar nicht, da kaufen wir sowieso nur sehr wenig, und wenn klar ist, dass es nicht gegessen wird, wird eingefroren. Und auch ansonsten bemühen wir uns, möglichst wenig Lebensmittel wegzuwerfen. Was den Garten angeht, so ist es sowieso Ehrensache, dass alles verarbeitet wird. War ja schließlich Arbeit. Allerdings kann es schon mal passieren, dass man nicht hinterher kommt. Aber das landet dann auf dem Kompost-Haufen und wird somit ja dann doch wieder dem Kreislauf der Natur zugeführt.

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  7. Ein schöner Text, eine schöne Erinnerung. Ich habe noch zwei Großmütter, beide 94 Jahre alt. Beide mit eigenen Wertvorstellungen und Lebensweisen wie -weisheiten. Es ist schön, sich zu besinnen.

    Liebe Grüße
    Rainer

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