Sonntag, 4. Oktober 2015

~ Tag der Deutschen Einheit ~

Es ist der 3. Oktober 2015. Es ist Wandertag mit den Freunden vom Laleli. Wir wollen gemeinsam durch den Wald zum Schloss Burg gehen, wo vegane Waffeln mit Kirschen und Sahne auf uns warten.

Der Vormittag wird aber noch genutzt, und der Backlöffel geschwungen. Apfelkuchen mit Vanille-Mandelcreme.. soweit, so gut.

Blöd ist, wenn man an einem Feiertag den Plan des Wandertages mit der kompletten Bevölkerung des Bergischen Landes - ach was - von ganz Deutschland teilt.

Ich bin sehr sicher, dass mich Freunde in Bezug auf Pünktlichkeit Korinthenkacker nennen. Ich bin diejenige, die bei einer Einladung pünktlichst auf der Matte steht - aber durchaus auch schon 10 Minuten vor der Tür im Auto gesessen hat. Ich bin der böse Alptraum aller Leute, die gern auf den letzten Drücker fertig werden und der Feind jeder Nonchalance. Bei mir unpünktlich zu sein ist kein Zuckerschlecken - fragt meine Freunde.

So fahre ich fröhlich pfeifend 10 Minuten vor dem vereinbarten Treffpunkt bei der Müngstener Brücke an. In SWR 3 kreischt mir Sandra "Maria Magdalena" entgegen. Die Welt in den 80igern war neben Schulterpolster und Steghosen auch in Bezug auf die Charts phasenweise grausam. Aber der Radiosender hat sich entschieden, uns m Tag der Deutschen Einheit mit ausschließlich deutschstämmigen Liedern aus Ost und West zu vergnügen.

Keiner hat mich gewarnt, dass augenscheinlich der Tag der Deutschen Einheit von der Gesamtbevölkerung an der Müngstener Brücke gefeiert wird. Ok, nette Location aber ich will nur einen einzigen Parkplatz. Aber jedes noch so kleine Fleckchen Erde ist schon von einer CO2-Schleuder belegt. Nachdem ich 3 Parkplätze abgefahren habe und keine Stelle in Sicht ist, überlege ich, meinen Volkswagen mit Allrad und falschen Abgaswerten (vielen Dank an der Stelle nach Wolfsburg - gut, das ich keine Aktien besitze) mal zu nutzen, um quer im Wald zu parken. Alternativ könnte ich aber auch meine humane Seite mal vergessen und den Opa vor mir in seinem Astra (und denk jetzt nicht, du hättest bessere Abgaswerte) ein bisschen anzuschieben.

Nach knapp 15 Minuten Parkplatzsuche ohne Erfolg und null Handyempfang, um mich mit den anderen kurzzuschließen, entscheide ich mich, im Sportmodus das Tal zu verlassen, bevor ich an Mensch und Tier noch Schaden anrichte - ich sag nur "Falling Down" - also ich bin kurz davor. Der mitgeführte Kuchen schreit kurz auf, als er in den Kurven hin- und herrutscht. Sorry.. hab vergessen, dass ich fragile Fracht an Bord hab.

Als mir mein Smartphone endlich wieder anzeigt, dass es lebt, halte ich am Straßenrand an. Zum einen, um meinen Adrenalinspiegel in ein gesundes Maß zu bekommen und zum anderen, um eine Information abzusetzen, dass ich die Wanderung nicht mitmache und jetzt direkt zur Burg fahre am liebsten mit dem Gedanken, bis zum Eintreffen der veganen Wanderfreunde bereits mindestens 2 Flaschen Rotwein geleert zu haben (AdR - wird nicht in die Tat umgesetzt).

Als ich so an Handy und Navi rumfummel, klopft es an mein Fenster. Ein netter aber verzweifelt schauender Herr älteren Semesters mit eindeutig zuzuordnendem ostdeutschen Akzent erzählt mir, dass sie sich total verfahren hätten. Was denn das Ziel sei? frage ich. Overath kam als Antwort. In dem Moment hätte ich eigentlich das Fenster schließen und schnell wegfahren müssen. Ähm... wir feiern heute 25 Jahre Deutsche Einheit... noch nichts von Navigationssystemen oder Smartphones oder beidem gehört? Overath liegt über die Straße fast 70 km entfernt - ich frag mich, wie man sich so verfahren kann. Die Antwort bekomme ich schnell.. sie zeigen mir ihre Autokarte. Da ist Overath genau einen Daumen breit weg von der Müngstener Brücke. Detailkarten helfen auch... denk ich mir aber schluck den Spruch runter.

Für den Moment und im Angesicht dieser verzweifelten Menschen ist mein gerade eben noch verspürter Ärger verflogen. Ich versuche über mein Handy und mein Navi eine Richtung auszumachen. Ich weiß zwar, wie man nach Overath kommt aber nur von der Autobahn aus. Ich bin ja selbst "fremd" im Müngstener Waldgebiet. Ich erkläre die grobe Richtung, sie schreiben sich meine Navigation von der Autobahn aus auf und dann klickts bei mir.. ich hab doch Zeit. Ich fahr sie bis zur Autobahn, höre ich mich sagen. Die Dame ist augenscheinlich ungläubig ob der westdeutschen Hilfsbereitschaft und fragt... "Was wollen Sie denn dafür? Nichts? 'Also für umsonst?" Ja klar, antworte ich schmunzelnd.. ich hab ja jetzt Zeit, die anderen Wandersleut kommen ja erst in einer Stunde auf Schloß Burg an.

Sie flitzt schnell zu ihrem Mann ins Auto und ich fühle mich gut... Tag der Deutschen Einheit. Sag ich doch. Ich hab nun meinen Part dazu beigetragen.Wahlweise auch meine gute Tag für den Tag erledigt und kann danach endlich die Sau rauslassen oder Amok laufen oder so.

Als ich die beiden dann in gut 10km Entfernung auf die Autobahn verabschiedet hab, begeb ich mich nach Burg, um dort (wie erwartet) ein ähnliches Parkplatzdesaster zu erleben. Aber zum Schluss werde ich halbillegal noch fündig. Der Kuchen mittleweile durch die Rutscherei mehr oder weniger randlos.

Über die trotz Anmeldung doch stark überforderten Mitarbeiter im Café, die fortwährend Getränke vergessen (was aber jetzt auch nicht soooo schlimm ist, weil man eh ewig warten muss, bis man welche bekommt) und dann doch auf eine vegane Waffel tatsächlich Kuchmilchsahne packen (Skandal, Skandal) könnte ich jetzt separat noch schreiben.

Da meine Waffel dann auch vergessen wurde, war ich so aufgeregt, dass ich vergessen hab, das aber doch sehr leckere Kunstwerk zu knipsen.

Zum Schuss noch ein Foto der Truppe und dann ist der Spuk auch fast vorbei.. fast, denn das
Universum hat wohl vor, zu testen, wie weit sich meine Nerven strapazieren lassen. Ich bin im Tal verabredet, den Kuchen zu übergeben und natürlich werde ich von einer Baustelle derart lange aufgehalten, dass die armen Kuchenübernahmefreundlichen ewig warten müssen. Zur Krönung fehlt mir die Telefonnummer, um kurz Bescheid zu geben.

Als ich nach Hause komme, von zwar schönen Gesprächen im Café aber einer unbefriedigten Wanderlust und doppelter Unpünktlichkeit beschließe ich, dass hier nur noch Bratkartoffeln mit Räuchertofu und Salat helfen können... jetzt gehts mir wieder besser.

PS: Ich hätte drüber nachgedenken sollten, als ich auf dem Hinweg merkte, dass ich meine Schilddrüsentabletten heute morgen vergessen hab... datt kann ja nix werden - was für ein verkorkster Tag.

Kommentare:

  1. Guten Morgen, liebe Anja,

    " JEDEN TAG EINE GUTE TAT "
    das ist und war die Devise der Pfadfinder
    und ich gehörte auch mal dazu

    Und heute dient der Tag zum Erholen für dich
    YES !!
    damals schon fleißig geübt

    Passender Beitrag
    aktiv unterstützt am Tag der Deutschen Einheit
    ansonsten
    überall scheint man gefeiert zu haben
    zum Glück war es bei uns mal ruhig
    aber wir haben uns alle gerne daran erinnert
    schließlich wäre ich nie hier gelandet
    wenn nicht...........

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    1. Liebe Margitta,

      ja, was für ein Glück. Eine friedliche Revolution, die Grenzen geöffnet ohne Kämpfe. Es wurden Fehler gemacht aber wann passieren die nicht. Ein Glück, dass es so gekommen ist.

      Gruß in den Osten

      Anja

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  2. Oh je was für ein Tag...
    Also ich habe es genauso mit der Pünktlichkeit wie Du (sitze auch ab und zu ein paar Minuten im Auto vor der Tür ;-) ) und ich verstehe total wie sehr es Dich gestresst haben muss keinen Parkplatz zu finden...
    Auch wenn der Tag für Dich eher nur stressig war, das ältere Pärchen hast Du den Tag bestimmt gerettet! :-)
    Ich wünsche Dir jetzt einen schönen erholsamen Sonntag!
    Liebe Grüße Anna

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    1. Liebe Anna,

      man wird ja mit den Jahren oder dem Alter ruhiger. Aber die Pünktlichkeit (wie Zuverlässigkeit) ist für mich scheinbar so wichtig, dass es mich auch heute immer noch stark stresst, wenn das nicht klappt.

      Diese älteren Leutchens haben mir echt den Tag gerettet, dann war das eben nicht umsonst.

      Gruß
      Anja

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  3. Liebe Anja,
    wow - was für ein Tag! Gut, dass du heute noch einen zum erholen hast, bevor du morgen wieder in den Alltag einsteigen musst!
    Hut ab, dass du trotz verkorkstem Anfang noch weiter "mitgemacht" hast, ich glaube, mir wäre die Laune da ganz gekippt! Aber durch eine gute Tat hast du dir sicher einen Haufen Pluspunkte beim Universum gesammelt und beim nächsten Großkampftag gibt es dafür eine wunderbare Parklücke ganz alleine für dich! :D

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    1. Liebe Doris,

      ich wäre auch wirklich gerne nach Hause gefahren, hätte mich zu meinem Liebsten gesellt oder auf den Balkon gelegt. Aber zum einen war in einem Café extra für uns Veganer reserviert - mit Waffelteigbeorderung etc. Und außerdem hatte ich den "Auftrag" ein Gruppenfoto zu machen - alle hatten extra ihre Shirts angezogen. Da kann ich ja nicht einfach heim fahren. Für die netten Gespräche im Café hat es sich auch gelohnt aber ohne die "Verpflchtung" wäre ich geflüchtet.

      Heute ist entspannt.. wir fahren gleich zu einem Obstfest, ganz easy peasy.
      Gruß
      Anja

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  4. Woahh, das hört sich für mich total stressig an. Meine Bewunderung hast Du, dass da nichts Schlimmes passiert ist, und Du sogar noch zu einer guten Tat bereit warst.
    So viel Selbstbeherrschung hätte ich nur sehr schwer aufbringen können, das steht mal fest.
    Einen schönen, ruhigen Sonntag wünsche ich Dir.
    Liebe Grüße
    Bianca

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    1. Liebe Bianca,

      als der Mann an mein Fenster klopfte, war ich auch noch verärgert. Aber das verflog recht schnell als ich sah, wie verzweifelt die beiden waren.

      Sonntag war schön, vielen Dank.
      Anja

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  5. Liebe Anja,
    es scheint, als hätte sich das vereinte Deutschland gegen Dich verschworen. Aber Du hast es gemeistert und sogar noch technisch etwas rückständige Mitbürger wieder auf den rechten Weg gebracht.

    Salut

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    1. Lieber Christian,

      ganz Deutschland? Das ganze Universum, so hat es sich angefühlt. ;-)

      Ich hätte echt nicht gedacht, dass es noch Leute gibt, die eine so weite Strecke ohne Navi und Smartphone in Angriff nehmen. Wieder was gelernt.

      Gruß
      Anja

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  6. 10 - bzw. für dich vermutlich 20? Kilometer Samariter-Rumgefahre finde ich beachtlich! So selbstlos ... mein Gefühl sagt mir, ich hätte mich mit Erklärversuchten begnügt ;)

    Die Einheit ging ja auch nicht ganz ruckelfrei über die Bühne - insofern war es ein perfekter Gedenktag bei dir (incl. Kuhsahne ;)

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    1. Stimmt, der Gedenktag geht einher mit der tatsächlichen Begebenheit. Hab ich so noch gar nicht gesehen.

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  7. Liebe Anja, da ich auch immer superpünktlich (und sehr unleidlich bei Unpünktlichkeit) bin, verstehe ich dir nur zu gut. Das war aber auch wirklich eine Odyssee an diesem Feiertag, Samariterdienste an der "zweiten Hälfte diesen unseren Landes" inklusive. Hut ab angesichts deiner Selbstbeherrschung und Hilfsbereitschaft. Da war der köstlich aussehende Abendessensteller redlich verdient.

    Viele Grüße,
    Anne

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    1. Liebe Anne,

      das mit der Selbstbeherrschung hing aber echt am seidenen Faden. Mein Fahrstil war nicht gut und auch nicht gesund. Aber diese "Aussetzer" kommen bei mir Gott sei Dank sehr selten vor. Um so mehr erschrecken sie mich dann.

      Gruß
      Anja

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  8. Wenn Dein Ärger immer in einem so witzigen Text endet, dann könnte ich mir fast wünschen ... Nein, das wäre fies.

    Liebe Grüße und gute Laune

    Rainer

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    1. Lieber Rainer,

      lieben Dank aber dann doch lieber gute Laune und unwitzige Texte. Aber ich könnte die Kombi ja auch mal anders versuchen.

      Gruß
      Anja

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  9. Hallo Anja,

    an und für sich ja ein schöner Plan, aber wohl der falsche Tag. Was macht man denn so an der Müngsterbrücke am 3. Oktober? Sind die alle nach Schloß Burg gewandert?
    Das mit der Unpünktlichkeit kann ich verstehen, aber das Leben im Ausland hat mich Geduld gelehrt. Ich muss dann immer über mich lachen, dass ich dann doch irgendwie ganz Deutsch bin wenn ich innerlich brodele ob anderer Unpünktlichkeit...
    Liebe Grüße!

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    1. Liebe Nido,

      ja, ich vermute, die sind alle da durch den Wald getrabt. Es gab wohl keine Veranstaltung direkt an der Brücke (aber so genau konnte ich das ja auch nicht sehen vor lauter Autos).

      Freunde von mir sind vor vielen Jahren nach Canada ausgewandert und haben dort eine Farm aufgebaut. Der Mann meiner Freundin ist schier verrückt geworden, während sie ihr Haus gebaut haben. Wir haben ja schon ein Problem mit Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit von Handwerkern in Deutschland aber in Canada ist es normal, dass die einfach nicht kommen und sich auch nicht melden. Könnte ich mich extrem schwer dran gewöhnen. Ich hab mich im Laufe meines Lebens in vielen Dingen verändert aber Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind zwei Werte, die ich gar nicht verändern will. Blöd nur, wenn es für mich dadurch so stressig wird.

      Gruß
      Anja

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  10. Liebe Anja,
    sicher wird Dir dieser 25. Einheitstag lange in Erinnerung bleiben. Zerrutschter Kuchen und gute Tat zugunsten Neuländler.
    Was die Pünktlich keit angeht, die leibe ich auch. Hat einfach Vorteile im Leben :-)
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Liebe Elke,

      die Frage ist, wer bei der Pünktlichkeit die Vorteile hat. Doch meist die anderen. Ich als pünktliche Person muss häufiger warten, bin ich Zweifel lästig und ärgere mich, wenn ich warten muss. Die unpünktliche Person muss nie im Restaurant alleine sitzen und Löcher in die Luft starren, nutzt die eigene Zeit komplett für sich richtig aus und ärgert sich nie, warten zu müssen. Machen wir doch irgendwie was verkehrt, oder?
      Gruß
      Anja

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    2. Ich würde es nicht so sehen: "Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige", wie man so sagt. Der Pünktliche hat keinen Stress am Treffpunkt, und hat seinen Beitrag geleistet, braucht kein schlechtes Gewissen (haben (ok, das haben viele Unpünktliche heutzutage auch nicht mehr), und er fühlt sich einfach gut. Ärgern kann man sich über die anderen, muss man aber nicht. Bei notorischen Nicht-Pünktlichen erlaube ich mir auch schon mal eine kleine Bemerkung...
      Ach komm, lassen wir uns unser Hobby "Pünktlichkeit" nicht nehmen!
      Liebe Grüße
      Elke

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    3. Ich kann es ja eh nicht lassen aber ich glaube, dass andere davon mehr profitieren als ich.

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  11. Doofe Feiertage. Ich bin vor einem großen Fest in Lüneburg geflohen, landete in Oldenburg mitten in einem weit größeren Festumzug, um mich dann irgendwie zu meinem Volkslauf in einem Vorort durchzuprügeln. Die Bahn war noch pünktlich und nicht so voll. Aber dann? Leihfahrräder alle, Bushaltestelle am Bahnhof wegen Umzugs gesperrt, Bushaltestelle an der anderen Seite der Innenstadt mühsam zwischen 100000 Feiernden gefunden, Bushaltestelle in meinem Volkslaufort wegen des Volkslaufs auch gesperrt usw. Beim nächsten Feiertag dieser Art steh ich nicht mehr auf! Allerdings: Der Lauf war wirklich hübsch...

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    1. Gute Idee, beim nächsten Feiertag, der sich auf einen Samstag setzt UND bei dem hervorragendes Wetter ist, bleib ich einfach im Bett.

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